Binoxxo zählt zu meinen Lieblingsrätseln: In jeder Spalte und jeder Zeile haben sich jeweils fünf Kreuze und Kreise einzufinden. Allerdings dürfen nicht mehr als jeweils zwei von ihnen aufeinander folgen. Es kann also knifflig werden. Neulich spielten mein Sohn und ich Binoxxo. Ich hatte eine Kopie vom Rätsel gemacht und nun ging es darum, wer gewinnt. Meist hat mein Sohn die Nase vorn. Aber diesmal war er still und rätselte, so dachte ich, vor sich hin. Ich war auch still – ich hing nämlich fest. Nirgendwo fand sich eine Möglichkeit, ein Kreuz oder einen Kreis zu setzen. „ … schwierig...“, meinte mein Sohn und ich dachte, es ergeht ihm wie mir.
Aus dem Bauch heraus
Eine Weile starrte ich auf die leeren Felder. Dann entschied ich mich zu improvisieren. Ich setzte in der vierten Spalte einen kleinen Kreis mit Bleistift dort, wo ich aus dem Bauch heraus meinte, dass er dorthin gehören könnte. So arbeitete ich mich konzentriert vor, zeichnete kleine Kreise und kleine Kreuze sozusagen provisorisch in die Ecken und freute mich wie Bolle, als ich merkte, dass ich auf der richtigen Spur war. - Schließlich hatte ich jede Spalte, jede Zeile korrekt ausgefüllt. Zufrieden legte ich meinen Bleistift zur Seite und schaute meinen Sohn an. Er zeigte auf den Schnittpunkt dritte Spalte/9. Zeile und meinte: „Wieso hast du hier nicht einfach weitergemacht? “
Ich schaute hin und fand die Anknüpfung, die ich vor einigen Minuten nicht gefunden hatte: „Also, ich glaub's nicht!“ Die Spalte zählte bereits fünf Kreise. Mit zwei Kreuzen hätte ich sie korrekt füllen können. Mein Sohn hatte das Binoxxo übrigens schon längst gelöst und in Stille auf mich gewartet bzw. derweil sein Brötchen gegessen.
Das Leben ist nicht gerade
Diese Runde hatte ich verloren. Ich war einen Umweg gegangen und zu langsam gewesen. Trotzdem ärgerte ich mich nicht. Im Gegenteil: Die Tüftelei hatte mir Spaß gemacht und mich sehr zufrieden ans Ziel geführt. Immerhin hatte ich gut und richtig kombiniert. Für den Rest des Frühstücks versank ich dann ins Nachsinnen über das Wesen von Umwegen. Ist es nicht seltsam, so ging es mir durch den Kopf, wie ein kleines Rätsel das Leben spiegelt? Welches Leben verläuft schon immer geradeaus?
Was ist überhaupt ein Umweg? Der Umweg ist der Weg, der länger ist als der direkte Weg, heißt es angenehm wertfrei im Internet. Ein Umweg kann klein, weit oder groß sein. Das unterscheidet ihn von der Abkürzung. Sie sollte eigentlich kürzer als der direkte Weg sein. Nach heftigen Regenfällen oder zur falschen Jahreszeit kann sie allerdings enorm Zeit kosten und zur Umkehr zwingen. Während einer Wanderung endete meine Abkürzung einmal in einem Schlammloch. Ein anderes Mal war der Weg eine einzige Eisfläche. Da gab's kein Voran.
Der Umweg als Ausweichmanöver
Manchmal schlagen wir einen Umweg ein, weil wir den direkten Weg fürchten oder zumindest scheuen. Wir weichen aus – innerlich wie auch äußerlich. Das passiert oft, wenn wir etwas nicht wahrhaben wollen, einen Konflikt leugnen. Dann vermeiden wir ein Gespräch, eine Begegnung und damit eine Klärung. Wenn sich Paare jenseits der Silberhochzeit trennen, dann in häufig unter großen Schmerzen. Oft gab es in der Paargeschichte schon seit langen Jahren immer wieder versteckte Hinweise auf tiefe Unzufriedenheiten. Aus Angst vor einer möglichen Trennung wurden sie nie thematisiert.
Meist spricht zwar ein Partner seine Trennungsgedanken aus. Aber auf eine so versteckte Weise, dass der andere nicht darauf anspringt. Beide weichen aus, gehen ihre jeweiligen Umwege weiter, bis es einer Seite zu viel wird. Dann reicht ein kleiner, fast banaler Anlass und die Trennung wird ausgesprochen. Viele Verlassene reagieren fassungslos. Erst im Blick zurück wird deutlich, dass beide Partner schon sehr lange getrennt unterwegs gewesen waren und inzwischen bereits jeweils eigenen Pfaden folgen. Ein gemeinsames Ziel gibt es nicht mehr.
Der Umweg als Chance
Manchmal schlagen wir einen Umweg ein, um Zeit zu gewinnen. In Umbrüchen sammeln wir Kraft für die nächste Lebensphase. Oder wir nutzen den Schlenker als Chance, Neues zu lernen. Denn gerade Wege können auch geradewegs ins Unglück führen. Das ist häufig dann der Fall, wenn Ziele einseitig, zu kurz hintereinander oder zu eng gesteckt sind. Inzwischen kennt jeder in seinem Freundeskreis Menschen, die bis zur Erschöpfung arbeiten. Wo bleibt da die Lebensfreude? Ab und an von der eintönigen Piste auf verschlungene Pfade abzubiegen, schenkt Zeit und Muße, das eigene Leben zu überdenken. Umwege können mit dem Verzicht bisher gewährter Privilegien einhergehen. Vielleicht fällt der Verdienst in einer neuen Arbeitsstelle geringer aus. Dafür bleibt mehr Zeit für die Menschen, die einem am Herzen liegen.Oft tun sich auch neue Wege auf.
Nun mögen Sie sagen „Welche Wahl ist denn nun richtig? Der Umweg oder der gerade Weg?“ Da gibt es kein entweder/oder. Eher ein sowohl als auch. Ein Kompass können Sie sich selber sein. Nehmen Sie Gefühle nagender Unzufriedenheit und Traurigkeit ernst. Sie können Anzeichen einer einseitigen Lebensführung sein.Wer nur schnurgerade unterwegs ist und dabei unglücklich ist, braucht vielleicht ein paar Schlenker nach links und rechts, damit der Blick wieder weiter wird. Wer sich auf immer neuen Umwegen durchs Dickicht schlägt, braucht mehr Richtung und Orientierung, damit sein Blick wieder wesentlicher wird.